""

Aber Sie haben doch immer die Freiheit zu gehen…

Über Change Management, Denk- und Erfahrungsgefängnisse, Freiheit – Macht – Mut.

„Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber ist der Mut.“ Thukydides, Peloponnesischer Krieg, 2, 43, 4 / Perikles

Im Management of Change wird besonders oft auf einer Ebene gearbeitet, die man nicht auf den ersten Blick sehen, aber dafür umso heftiger spüren kann, wenn es an die Umsetzung geht. Wir nähern uns dem Thema also einmal in den Köpfen, denn dort finden unsere Gefängnisse ebenso statt wie unsere Freiheit, unsere Macht und unser Mut.
Begegnungen mit besonderen Menschen sind die schönsten Geschenke, die uns zuteilwerden können. Besonders schön sind die Begegnungen, die einen Austausch, ein Teilen ermöglichen. Eine solche Begegnung wurde mir beschert, als ich einem besonders strahlenden jungen Mann im Rahmen eines Gesprächs über den Umgang mit schwierigen Situationen einfach sagte: „Aber Sie haben doch immer die Freiheit zu gehen.“ Für mich war das nichts Besonderes, eher eine Tatsache als eine Erkenntnis.
Der Satz ging ihm jedoch so sehr nach, dass er Stunden später wieder vor mir stand und mir erzählte, dass ihm dieser Gedanke nicht mehr aus dem Kopf ging.
Tatsächlich fängt die Freiheit genau dort an: im Kopf.
Das ist der Ort, wo Google (hoffentlich) noch keinen Zugang hat, der nur uns gehört, in dem wir uns theoretisch frei und ungehemmt bewegen könnten – wenn wir es nur täten.
In Wirklichkeit jedoch fällt es uns immer schwer, Neues zuzulassen und das fängt leider schon beim Denken an. Ich bezeichne dieses Phänomen mal liebevoll mal grimmig als Denk- und Erfahrungsgefängnis.
Sinnklang Change Management Führungskräfteentwicklung Führung in Veränderung

Denk- und Erfahrungsgefängnisse

Wer schon einmal ein schlechtes Erlebnis hatte, kennt dieses Phänomen. Ich möchte ein einfaches und eingängiges Beispiel nehmen, das leicht nachzuvollziehen ist. Manche Menschen werden als Kinder von einem Hund gebissen und entscheiden sich fortan, dem Canis lupus familiaris nie wieder eine Chance zu geben.
Objektiv wissen diese Menschen, dass nicht jeder Hund beißt, aber die Angst vor weiteren Verletzungen hindert sie daran, eine neue Erfahrung zu erschaffen.
Stattdessen verlieren sie sich in ängstlichen Gedanken, erstarren, wenn ihnen ein Hund zu nahe kommt, und erwarten den nächsten Biss, der ihnen wahrscheinlich eher wiederfahren wird, als Menschen, die sich dem Hund aus einer Haltung der Ruhe nähern. Und der Hund als Raubtier riecht die Angst und wird sich dem ängstlichen Menschen nur mit Vorsicht nähern. Mit Tieren ist es viel sichtbarer als mit Menschen. Wir erschaffen uns unsere Erfahrungen. Wo kein Vertrauen gewährt wird, kommt kein Vertrauen zurück.
Tauschen Sie die Erfahrung mit dem Hund durch beliebige (unangenehme) Situationen und Sie werden feststellen, dass die Freiheit im Kopf anfängt und leider auch endet.
Bei folgenden Denkmustern sollten Sie wachsam reagieren, denn sie führen in Denkkreisläufe oder Kopfkino, die schnell zum Gefängnis werden:

  • Ängstliche Denkmuster, die auf Schmerz, Verlust und Niederlage fokussieren. Angst ist ok – ängstliches Denken nicht.
  • Selbstverletzende Denkmuster: die auf selbstbegrenzende, selbstentwertende Gedanken fokussieren oder rigide Verbote erteilen, die als einschränkend oder beengend empfunden werden. Hier gilt: Jeder macht sich sein Leben selbst zur Hölle – mit ein wenig Übung finden Sie Ihren inneren Kritiker und Begrenzer schnell selbst. 🙂
  • Schuld- und Schambelastete Gedankenmuster, nicht vergeben können, nicht loslassen können. Auch hier entstehen Teufelskreise und Kopfkino, was immer auf ein Denk- und Erfahrungsgefängnis schließen lässt.

Gewohnheit versus Tradition

Eine weitere Form des Denk- und Erfahrungsgefängnisses ist die Gewohnheit. Ich unterscheide sehr bewusst zwischen Gewohnheit und Tradition. Jeder, der sich mit praktischem Change Management beschäftigt, sollte Freude an Sprache haben. Wenn Sie Traditionen sagen, dann meinen Sie positiv und bewusst verankerte gelebte Werte, die immer wieder neu interpretiert werden, weil sich die Welt ändert.
Gewohnheiten sind einfach nur Abläufe, die durch Wiederholung erzeugt wurden. Gewohnheit hat nicht unbedingt etwas mit Bewusstsein zu tun, denn Gewohnheiten entstehen schleichend. Sie haben also eine Sonnen- und eine Schattenseite.
Gewohnheit ist etwas Gutes, sie schenkt Stabilität und eine Form von Sicherheit. Sicherheit ist ein Grundbedürfnis. Aber Achtung: Die Sicherheit, die uns durch Gewohnheiten vorgegaukelt werden, sind häufig eher Wunschdenken, denn echte Sicherheit.
Denn Gewohnheit ist leider auch eine große Verlockung, das Gehirn auszuschalten und durch Wiederholung zu manifestieren, was uns nicht unbedingt dienlich ist.
Denn: Wir unterscheiden bei Gewohnheiten nicht unbedingt zwischen guten (= uns dienlichen) und schlechten (= solchen, die uns nicht dienen). Was Ihnen dient oder nicht dient, wissen nur Sie und auch nur in Ihrem tiefsten Inneren. Dieses Wissen ist jedem gegeben, aber es ist oft genug unbequem.
Oder um es auf den Punkt zu bringen: Auch schlechte Gewohnheiten geben Sicherheit.
Besonders eindrucksvoll wird das sichtbar, wenn man das Verhalten von Wildtieren beobachtet, die durch jahrelange Käfighaltung abgestumpft sind. Lässt man die Käfigtür offen, so werden die meisten den Käfig nicht verlassen, obwohl sie es könnten. Die Gefangenschaft hat sie gebrochen, den Funken der Wildheit und Freiheit erstickt.
Menschen sind nicht so weit vom Tier entfernt, wie sie es sich gerne einreden. Die meisten von uns benötigen keine Diktatur, kein Denk- und Redeverbot von außen, da wir den Job meistens selbst erledigen, indem wir uns begrenzen und begnügen.
Wir stumpfen genau so ab, haben aber das zweifelhafte Privileg, dass wir uns unsere Abstumpfung schönreden können. Denken Sie an Menschen, die immer wieder eine Erklärung finden, die sie zum Opfer der Umstände, des bösen Chefs, der bösen Mutter, des bösen Partners machen.
Der Nachteil am Menschsein ist, dass wir uns unsere Gitterstäbe selbst erschaffen. Und zwar mit unserem Denken.
Unsere Freiheit endet dort, wo wir selbstverletzendes Denken praktizieren. Selbstverletzendes Denken ist Denken, dass uns einschränkt, uns den Weg zu neuen Erfahrungen verstellt, das nur eine Version der Wahrheit zulässt.

Fünf Impulse, um Denk- und Erfahrungsgefängnissen zu identifizieren und sie zu überlisten.

Wie Sie sich vorstellen können, gibt es keine Rezepte für einen guten Ausbruch aus den Gefängnissen, die wir uns selbst erschaffen.
Daher kann ich nur eigene Erfahrungswerte anbieten und zum Ausprobieren einladen.

  • Abwehr und spontaner Widerstand sind oft gute Indikatoren, dass wir uns gegen Neues wehren. Gedanken, die uns provozieren, uns herausfordern, uns zwingen, die vermeintlichen Gegebenheiten zu hinterfragen, sind oft nicht angenehm. Gedanken, die uns beißen wie kleine Flöhe, die uns den Frieden rauben, sind oft gute Gedanken, selbst, wenn wir sie im ersten Schritt nicht umarmen können.
  • Körperliche Empfindungen sind immer ein guter Indikator. Auch hier kann ich nur zwei Varianten anbieten. Entweder belastet Sie der „Freiheitsgedanke“ so sehr, dass er sich nicht gut anfühlt, oder aber Sie spüren eine große Erleichterung gepaart mit der angemessenen Unruhe, wie sie besagter junger Mann verspürt hat.
  • Neugier ist ebenfalls ein guter Indikator. Die Sensation von Aufbruch, Unruhe, Neugier, ein kleines Feuer, das sich im Kopf, im Herzen und im Bauch entfacht.
  • Wenden Sie die Kunst der Rhetorik an. Sie schult uns darin, präziser zu denken, uns unserer Sprache und unseres inneren und äußeren Dialogs bewusst zu werden.
  • Machen Sie es zu einer Tradition, einmal im Monat etwas zu tun, dass Sie noch nie getan haben, seien Sie neugierig auf die Menschen, die Ihnen da begegnen. Hören Sie zu, um zu verstehen und erlauben Sie sich, Fragen zu stellen. Das macht nicht nur Spaß, es wirkt auch Wunder.

Vielleicht haben Sie jetzt eine weitere gute Idee, um sich selbst herauszufordern. Setzen Sie sie sofort um. Auch das macht Spaß und wirkt Wunder.
Sinnklang-Führung in Veränderung-Führungskräfteentwicklung

Macht haben versus machtvoll sein.

Macht ist ein Götze, der gerne angebetet wird. Aber aufgrund einiger Missverständnisse über Macht schaffen es die meisten Menschen einfach nicht, Macht zu erlangen.
Tatsächlich geben wir unglaublich gerne unsere uns innewohnende Macht ab. Und wir tun es erstaunlich schnell und bereitwillig. Dabei ist es eine so kostbare Errungenschaft, wenn man Macht über sich selbst hat. Tatsächlich ist es die einzige wirklich erstrebenswerte Macht, die existiert.
Freiheit und Macht sind sehr eng verbunden. Denken Sie an Menschen, die Sie als wirklich machtvoll wahrgenommen haben.
Ich trenne hier zwischen machtvoll und mächtig. Sie können heute mächtig sein, weil Sie Titel, Ämter, Geld und Einfluss gesammelt haben. Aber wenn Sie über Nacht alle diese äußerlichen Symptome von Macht verloren haben, bleibt gegebenenfalls nichts übrig. Schon gar kein machtvolles Wesen. Machtvolle Menschen sind oft nicht mächtig, aber im Gegensatz zu den sogenannten Mächtigen haben sie eine große Qualität erlangt und das ist die Macht über sich selbst. Diese Form der Macht verleiht Menschen eine natürliche Autorität.
Ein Mensch, der seinen eigenen Schatten gut genug kennt, um ihn integrieren zu können, der seine Abgründe nicht fürchtet, sie annehmen, mit ihnen umgehen kann, der ist wahrhaft machtvoll.
Wenn Sie ein aufbrausendes Temperament haben und es nicht zügeln können, dann nutzen Ihnen Titel, Ämter, Geld, Einfluss eine Machtposition nichts, denn Sie bleiben sich selbst hoffnungslos ausgeliefert. Wenn Sie Ihren Begierden keine Absage erteilen können, dann bleiben Sie immer unfrei, wählen nie, was Ihnen wahrhaft dient, bleiben Opfer Ihrer selbst. Wenn Sie Freude nicht unschuldig genießen können, dann nutzen Ihnen auch die Symbole der Macht nichts. Denn mehr sind diese Dinge nicht: einfach nur Symbole.
Um diese Form der Macht zu erlangen, brauchen Sie Freiheit so dringend wie die Luft zu atmen. Die Freiheit, sich selbst zu hinterfragen, neue Impulse zuzulassen, von oben auf sich selbst zu schauen. Genau diese Freiheit, die neue Gedanken, neue Wahrnehmungen, neue Selbsterfahrungen erst ermöglicht, die lässt uns wachsen, etwas wagen, neue Räume betreten. Sie ist erstaunlich einfach zu erlangen, aber leider verlieren wir sie auch immer wieder. Es ist eher ein Auf und Ab, ein Fließen als ein Endstadium. Man könnte vielleicht von einem „Status of Mind, Body and Soul“ sprechen ein ständiges Balancieren. Vielleicht ist es auch ein Tanz mit sich selbst und der Umwelt. In jedem Fall erfordert dieser Tanz auch eines und das ist natürlich der Mut.

Mut

Was ist Mut? Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst. Die Abwesenheit von Angst ist eher der Psychopathologie zugeordnet. Mut ist auch kein Heroismus. Mut ist in erster Linie Selbstüberwindung. Meine Klienten sind mutig. Wer sich zu einem fremden Menschen begibt, sich öffnet, über seinen Schatten springt, der ist wahrhaft mutig. Manchmal kann es mutiger sein zu schweigen, als Lärm zu machen. Die meisten Manifestationen unseres eigenen Mutes ignorieren wir stillschweigend, anstatt sie zu feiern. Mut bedeutet, die individuell definierte Schwelle zu überschreiten, die wir sonst nur anschauen, aber niemals zu berühren wagen. Für einen Menschen, der gelernt hat, sich selbst gering zu schätzen, ist es ein Zeichen großen Mutes, wenn er seine Selbstverhinderungsmechanismen das erste Mal durchbricht und einen Gedanken des Stolzes auf sich selbst hegt. Mut ist unspektakulär und wer einmal in seinem Leben mutig war, sich getraut hat, es anders zu machen, der weiß, dass Mut oft genug von Herzrasen, Panik, Zittern begleitet ist. Und natürlich auch von einer gewissen Euphorie, sich selbst überwunden zu haben.
Kleine Akte des persönlichen Mutes sind viel wichtiger als die großen Heldentaten. Deswegen sind es am Ende manchmal die ganz kleinen Dinge, die die Welt verändern.

Sollten Sie also heute oder in den nächsten Tagen mutig gewesen sein und selbst, wenn es niemand bemerkt hat. Feiern Sie sich, denn Sie schaffen sich mit dem kleinen Mut zur ganz kleinen Veränderung ein Potenzial für echte innere Freiheit.
Mein Fazit: Denk- und Erfahrungsgefängnisse sind die unsichtbaren Grenzen, die Sie in einem Veränderungsprozess identifizieren und angehen müssen, wenn Sie für sich selbst oder innerhalb Ihrer Organisationen neue Erfahrungen erschaffen möchten.
Dafür benötigen Sie neue Freiräume – und zwar unabhängig davon, ob Sie Ihr Leben oder Ihre Organisation transformieren möchten.
Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Schaffen und Erkunden neuer Räume.

Bildnachweise: glückimwinkl / photocase.de
Funkenschlag / photocase.de
cydonna / photocase.de

Share on LinkedInTweet about this on TwitterGoogle+Share on FacebookPrint this pageEmail to someone