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WM quer gedacht: Teamspieler, Kampfgeist und Gemeinschaftssinn

Drei toxische Glaubensgrundsätze, die Teamerfolg verhindern

„Er ist ein Phänomen, er ist wirklich ein Phänomen. Er tut der Mannschaft so gut, auf dem Platz, außerhalb. Er ist wirklich ein top Spieler.“

So äußerte sich Sami Khedira über Thomas Müller im Interview mit dem deutschen Fernsehen.
Deutschlands Sommermärchen hat wieder begonnen und alle jubeln über die deutsche Elf. Welches Selbstbewusstsein, welcher Optimismus!
So oft und so gerne Bilder aus dem Mannschaftssport im Wirtschaftsleben bemüht werden, so wenig werden sie umgesetzt oder gelebt.
Hier sind einige toxische Glaubenssätze, die mir immer wieder begegnen und die irgendwo auf der Negativskala zwischen „lebensfremd“ und „unmenschlich“ rangieren, weil sie absolut kontraproduktiv und im Einzelfall sogar gefährlich sind.

Respekt muss man sich verdienen

Respekt ist ein Menschenrecht. Der Satz verwechselt Autorität und Führungsanspruch oder Anerkennung mit Respekt. Respekt hat jeder dafür verdient, dass er da ist. Man kann sich keinen Respekt verdienen. Wer einen Menschen nur unter (am liebsten selbst definierten) Bedingungen respektieren kann, der hat in Wirklichkeit selbst ein Problem.

  • Wer anderen den Respekt verweigert, lässt sich nach Leistung lieben und liebt im Umkehrschluss nach Leistung.
  • Wer anderen den Respekt verweigert, hat häufig selbst ein Problem mit Autoritäten.
  • Wer anderen den Respekt verweigert, bleibt ewig in der Unsicherheit verstrickt, ob er (oder sie) selbst respektabel ist.

Wenn Sie selbst in dem Irrglauben verstrickt sind, dass man sich Respekt verdienen müsse oder aber in Ihrem Team solche Glaubenssätze vorherrschen, dann ist Vorsicht angebracht. Dort, wo Respekt verweigert wird, da fehlt es an Vertrauen und Sicherheit. Vertrauen und Sicherheit sind Grundbedürfnisse, die wir alle haben. Werden diese nicht erfüllt, dann kommt keine stabile gemeinsame Basis in einem Team zustande. Respekt darf nicht an Bedingungen oder Leistungsanforderungen geknüpft werden. Das schafft eine Atmosphäre von Unsicherheit und Überforderung. Und es ist eine Entmenschlichung, ein Verstoß gegen eine natürliche Grundordnung, wenn einer oder mehrere Gott spielen und sich anmaßen, darüber befinden zu können, welcher Kollege Respekt verdient und welcher nicht. Die Folgen sind subtil und langfristig. Teams sind mehr damit beschäftigt, in Deckung zu gehen und Fehler zu vermeiden, als aktiv am Arbeitsgeschehen teilzunehmen. Eine weitere Konsequenz ist innerer Rückzug. Wenn Respekt als Arbeitsgrundlage fehlt oder in Frage gestellt ist, dann fällt es Menschen schwer, sich zu öffnen, das eigenen Potenzial auszuschöpfen und die gewünschte Bestleistung zu erbringen.
Positiv Formuliert
Respekt zu bekunden und fördern, einzugreifen, wenn grundlegende Regeln des respektvollen Miteinander verletzt werden, stärkt alle – inklusive des Vorgesetzten.
Respekt kann man üben. Es geht um denken, handeln und auch um fühlen. Wenn sie folgenden Satz hören, dann sollten Sie hellhörig werden:
„Ich fühle mich nicht respektiert.“ Das ist natürlich kein Gefühl. Die Übersetzung des Nicht-Gefühls lautet: Ich bin traurig, enttäuscht, unsicher (das sind echte Gefühle), weil mein Bedürfnis nach einem respektvollen Umgang, nach Sicherheit oder nach Vertrauen nicht erfüllt ist.

Nicht geschimpft ist genug gelobt

Der Satz ist gleich in doppelter Hinsicht toxisch. Er stammt aus einer Elternpädagogik, die Kinder zu kleinen Robotern macht, die permanent zu korrigieren, zu erziehen und zu manipulieren sind, damit Mami und Papi sie lieb haben können. Zweitens verwechselt der Satz Lob mit Wertschätzung und das ist auch lebensfremd und schafft an völlig falscher Stelle ein Gefälle.
Jeder Mensch freut sich über Anerkennung und braucht sie auch. Fehlt die Anerkennung, dann geht die Motivation flöten. Nichts ist allerdings so lau und wenig motivierend wie ein Lob, denn es beschränkt sich in der Regel darauf, dass einer entscheidet, dass der andere „es gut gemacht hat“.
Es gibt immer noch Management-Ideologien (das ist noch die schmeichelhafteste Wortwahl, die mir zu diesem Unsinn einfällt), die darauf setzen, dass Menschen, denen Anerkennung verweigert wird, sich noch mehr anstrengen. Das ist nicht nur dumm, sondern gefährlich. Wo so ein Geist herrscht, sind Menschen nur noch Kanonenfutter. Und Kanonenfutter leistet nicht.
Der Unterschied zwischen Lob und Wertschätzung
Haben Sie es schon einmal erlebt, dass Sie sich ein Bein ausgerissen haben, Überstunden geschoben und über sich hinausgewachsen sind, um ein Ziel zu erreichen und dann kommt ein lapidares „Das haben Sie gut gemacht.“ Wie haben Sie sich gefühlt? Waren Sie enttäuscht, verärgert oder haben Sie sich gefreut und sich gedacht: „Mann, für diese Firma und diesen Job gehe ich nochmals durch das Feuer, vernachlässige Freunde und Familie und hänge mich richtig rein.“?
Wahrscheinlich nicht. In dem Lob steckt einfach keinerlei Anerkennung oder Wertschätzung.
Wie müsste es formuliert sein, damit eine Wertschätzung daraus wird?
Die erste Komponente von echter Wertschätzung ist die Feststellung, was der andere konkret getan hat.
Die zweite Komponente ist eine Erklärung, welches Bedürfnis erfüllt wurde.
Eine echte Wertschätzung wäre also:
„Herr / Frau NN, ich danke Ihnen für Ihren großen persönlichen Einsatz, Ihren Fleiß und die Pünktlichkeit, mit der Sie den Kunden beliefert haben. Das hat mein Bedürfnis nach Verbindlichkeit, Unterstützung und Zusammenhalt erfüllt und mich selbst das eine oder andere Mal motiviert, am Ball zu bleiben.“
Konfigurieren Sie den Satz einfach mal für sich um.
Im Gegensatz dazu klingt „gut gemacht“ einfach oberflächlich, was es ja auch letztendlich ist, denn es zeugt davon, dass derjenige, der das Lob ausspricht, sich nicht einmal die Zeit genommen hat, um die erbrachte Leistung wahrzunehmen.
Zurück zu Sami Khedira und Kollegen: Fast jeder hat sich über den Teamkollegen Müller in ähnlicher Weise (wenn auch nicht so explizit wie ich in dem Beispiel) geäußert.
Alle beschreiben ganz genau, was Thomas Müller als Spieler tut (und mit leuchtenden Augen, wie er es tut!). Und dann sagen fast alle, welches Bedürfnis für sie erfüllt wird. (Zusammenhalt, Freude, Motivation).
Wie denken Sie, wird sich Thomas Müller bedanken? Genau. Er wird so weitermachen, wenn er es vermag, sich wenn möglich gar steigern.
Wertschätzung ist ein positiver Verstärker, Lob ein blasser Abklatsch

Man muss 100 Prozent geben, oder mehr!

Wenn ich diesen Satz höre, dann sehe ich einen bestimmten Typ von selbst ernannten Motivations-Coaches vor mir, die eine Zeit lang so populär waren und es schaudert mich.
Kommen wir zu den biologischen Tatsachen. Rein mathematisch betrachtet haben wir alle „nur“ maximal 100% zur Verfügung. Einen guten Teil dieser einhundert Prozent Energie benötigen wir, um unsere Vitalfunktionen aufrecht zu erhalten. Einen anderen Teil beansprucht unser Leben: Freuden, Familie, Arbeit, Sorgen, soziales Umfeld. Je nach Alter, Gesundheitszustand und psychosozialen Faktoren steht uns also nur eine begrenzte Menge an Energie zur Verfügung.
Wenn Sie also nicht einen Weg gefunden haben, ohne Herz-Kreislauf-System oder andere lebenswichtige Funktionen zur Arbeit zu gehen, dann müssen Sie leider akzeptieren, dass Sie je nach Tagesform mal mehr mal weniger, aber niemals 100% Ihrer Kraft zur Verfügung haben. (ich bin natürlich jederzeit offen für jegliches Wunder.)
Das Geschrei nach übermenschlicher Leistung ist eigentlich also nichts anderes als systematischen Aus- und Verbrennen von Menschen. Interessanterweise ist dieser Anspruch selten einer, der von oben kommt. Das sind selbst auferlegte, und unreflektierte Selbstausbeutungsmechanismen. Wenn er von oben kommt, dann ist das bestenfalls ein Zeichen für fehlende Führungserfahrung und schlimmstenfalls ein Symptom für Menschenverachtung.
Positiv formuliert
Den guten Coach zeichnet es aus, dass er sein Team sehr gut einzuschätzen weiß. Er wird also nicht die nicht machbaren 100 Prozent fordern, sondern wertschätzen, wenn ein Spieler über die Tagesform hinauswächst. (Gesunde Grenzen inklusive).
Ein guter Spieler kennt sich, sein Leistungsniveau und weiß, wie viel Prozent er zur Verfügung hat. Sein Bestreben wird es immer sein, mit Augenmaß über die Grenzen zu gehen, um das beste Ergebnis für seine Mannschaft zu erzielen.
Ein gutes Team hat gelernt und geübt, achtsam aufeinander zu schauen und sich gegenseitig zu stützen.
Das Sinnklang-Team wünscht Ihnen eine schöne WM und uns allen schöne, faire und torreiche Spiele!
Bildnachweis:zettberlin / photocase.de

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