"Führungskultur verändern" "Unternehmenswerte implementieren"

VW – Traut Euch!

Wertebewusstsein, Mut, Macht.

Noch ein Skandal. Gähn. Jetzt hat es VW als Erste getroffen und wahrscheinlich stehen uns in den nächsten Wochen ach so schockierende Erkenntnisse ins Haus und am Ende waren es alle und dann kehren wir einfach zur Normalität zurück. Wenn es alle machen, dann können wir nichts machen, so ist das eben.

Ich weiß überhaupt nicht, was mich in den letzten Wochen mehr amüsiert hat. Der entsetzte Aufschrei, der durch die Republik ging oder die Tatsache, dass ausgerechnet in den Vereinigten Staaten eine solche Entdeckung gemacht wurde. Wo doch jeder weiß wie nachhaltig, ehrlich und umweltorientiert die Gepflogenheiten beim „großen Bruder“ sind, der uns nebenbei ganz im Sinne Orwells systematisch und gar nicht transparent ausschnüffelt, in seine illegalen Wirtschaftskriege zieht und uns am liebsten mit genmanipulierten Lebensmitteln versorgen möchte. Das zum Thema der „amerikanischen Empörung“, die zu einem Gutteil von wirtschaftlichen Interessen getrieben ist. Wenn Pönalen für die Manipulation von Abgaswerten größer sind als für Tote, dann können wir uns sicher sein, dass die Motive der großen automobilen Wettbewerbsnation nicht ganz frei von Egoismen sind.

Der Ruf nach Rücktritten: Schuldkultur versus VerantWortung.

Martin Winterkorn tritt zurück. Das wird im Allgemeinen als Zeichen dafür gewertet, dass jemand „VerantWortung übernommen hat“. Ich frage mich nur: Wo ist da die VerantWortung? Hier hat einer es allen anderen leicht gemacht und die Schuld übernommen. Ganz abgesehen davon, dass Herr Winterkorn einen guten Leumund genoss und nicht mit diesen Vorgängen assoziiert war, haben hier nebenbei die wirklich Verantwortlichen keinerlei Zeichen gesetzt, dass „VerantWortung übernommen wird.

VerantWortung würde bedeuten: Die top Manager und der Aufsichtsrat setzen sich an einen runden Tisch und fragen sich, wie sie ein derartig großes Unternehmen in so einer Zeit führen müssten, damit zuerst nach innen und dann nach außen ein Signal gesetzt wird, dass jemand „VerantWortung übernommen hat. Man müsste sich mal fragen, ob der größenwahnsinnige Wachstumsanspruch, der ja bis heute noch von der Politik, unter anderem Frau Merkel & Co. postuliert wird, noch zeitgemäß oder gesund ist und zukünftigen Generationen dient.
VWler, traut Euch, mit Euren Mitarbeitern und Aktionären neue Wege zu beschreiten, die öffentliche Diskussion zu ignorieren und selbst zu entscheiden, wer und wie Ihr sein wollt!
Gerade diese Auseinandersetzung mit der eigenen Führungskultur, den Werten, und wie diese gelebt werden, würde jetzt helfen. Sie würde dabei helfen, dass alle, die es betrifft, ihre Anteile erkennen und notwendige Veränderungen schrittweise anzugehen. Die Experten und kritischen Journalisten, die es schon immer wussten, sagen: VW wird von einer Gruppe von Ingenieuren regiert, einem Inner Circle. Ist das eine glaubwürdige Kritik von denjenigen, die diesen Inner Circle bisher fleißig hofiert haben? (Und nur so nebenbei: Seit wann werden Führung und (Management-)Ethik bei den Ingenieurwissenschaften gelehrt?!? Geht es nicht um Leistung, Karriere und Erfolg?)

Ganz oben zählen Ergebnisse. Dass diese manchmal auf Kosten von durchaus bedenklichen Kompromissen bei den Grundwerten, erzielt werden, ist eine Nebenwirkung, wenn Erfolg auf der rein materiellen Ebene definiert ist. Wenn aber dann die Bombe platzt, dann muss der Ruck von oben nach unten durch das System laufen. Die Fragen, die man sich beantworten darf, sind doch ganz andere, als jetzt öffentlich diskutiert werden.
In der öffentlichen Schulddebatte wird wieder einmal nur gefragt: Wer hat versagt? Wer ist schuld? Am liebsten feuert man „die Schuldigen“ und dann ist das Leben wieder gut, schaut her, wir haben reagiert. In Wirklichkeit bestraft man die schwächsten Glieder und die über 99 %, die bleiben, erleben keine Veränderung und erhalten so auch kein glaubwürdiges Signal, dass das Problem bei der Wurzel gepackt wird.
"Führungskräfteentwicklung Sinnklang"

Wie sieht VerantWortung aus?

In der „VerantWortung stecken so schöne Worte wie Antwort und Ortung. Wo bleiben bei einem Rücktritt denn die Antwort und die Ortung? Wäre nicht gerade der Manager, der als Mann mit Anstand gilt, derjenige, der betroffen genug ist, um diese Betroffenheit in Aktionen zu transformieren, die bedeutsam für alle sind?
Die Fragen, die sich „die ganz oben“ stellen müssen, sind doch viel bedeutsamer als das belangloser und oberflächliche Geschwätz der Presse und Politik, die erst recht nicht in der Position sind, über die Ethik der anderen zu diskutieren. Zum Beispiel:

  • Wieso wollten wir keine Details wissen?
  • An welchen Stellen fordern wir und die Shareholder zu viel?
  • Darf unser Gewinnstreben und/oder unsere unsere fehlende Bodenhaftung uns so stark treiben, dass wir unseren guten Ruf und das Vertrauen von Partnern und Kunden riskieren?
  • Welche Glaubenssätze und Verhaltensweisen müssen wir ablegen, damit unser Erfolg nicht zulasten unserer Ehre und der Beschäftigungssicherheit unserer Mitarbeiter geht?
  • Stimmen unsere Vorstellungen von Erfolg, Leistung und Leadership noch?

Um nur einige zu nennen.

Wäre es nicht viel verantwortungsbewusster, wenn diejenigen, die sich die Fehltritte erlaubt haben, sich an der Veränderung beteiligen würden, die so dringend notwendig ist, anstatt drei bis fünf Bauernopfer zu beurlauben und auszutauschen? Lernt ein System nicht viel besser, wenn gerade diejenigen, die sich formell schuldig gemacht haben, den Scherbenhaufen beseitigen und dies nachhaltig?
Und sind das wirklich die Personen in der Entwicklung, die die Schuld trifft oder sind es nicht vielmehr immer aggressivere Ankündigungen am Markt, die den Druck zu betrügen so groß machen? Stellt man vier Bauernopfer frei, so zerstört man mehr als Karrieren und Existenzen. Die Personen, die jetzt freigestellt wurden, müssen beschützt werden. Sonst bedeutet das nichts weniger, als dass diese Menschen mit böser Absicht gehandelt haben. Kann es wirklich die richtige Entscheidung sein, dass das dasselbe System, das den Druck zum Betrug und zur Regelverletzung erschafft, diese Menschen bestraft?

Ausgerechnet die Politik und die Regierung müssten betreten schweigen, denn aus Berlin kommt bei jedem Versuch, die Abgasmessung zu verschärfen seit Jahren eine autofreundliche Haltung, um es euphemistisch auszudrücken und das L-Wort zu vermeiden. Genau diese Politik verhindert Nachhaltigkeit – egal, was man so publikumswirksam verspricht, wenn es um Wahlen geht. Es ist für jeden, der Kinder, Nichten oder Enkel hat, ok, wenn wir die Abgasregeln verschärfen, wir belasten den Planeten mit unseren Irrtümern. Wir verwechseln Konsum mit Wohlstand.
VW, traut Euch, echte VerantWortung zu übernehmen, indem ihr die richtigen Fragen beantwortet.

Das stumpfe Schwert der verschärften internen Richtlinien.

Ich habe dargelegt, dass „VerantWortung anders aussieht. Was allerdings eine interne Verschärfung der Richtlinien bringen soll, ist mir völlig schleierhaft. Die Leute, die die Richtlinien jetzt intern bei VW verschärfen, sollten die bestehenden Regeln vielleicht erst umsetzen und intern unterstützen.
Der Erlass neuer Regeln bedeutet im Klartext:

„Tut nicht das, was wir tun. Tut das, was wir Euch sagen.“ Und Botschaft zwei lautet: „Regeln gelten nur für diejenigen, die unter uns stehen. Bei uns gibt es keinen Handlungsbedarf.“

Wo bleiben da die Handlungsebene und der Schutz des Einzelnen, der die Hand hebt und sagt: „Wenn wir das machen, dann gehen wir von der grauen Zone in die rote Zone, wollt Ihr das?“
Wo bleibt die Richtlinie, die den obersten Herren dabei hilft zu sagen: „Liebe Shareholder, Euer ständiges Geschrei nach mehr Profit ist nicht erfüllbar. Jedenfalls nicht, wenn wir sauber bleiben wollen.“
Wo sind die Aktionäre, die sich kritisch mit ihren eigenen Vorgaben auseinandersetzen?
Wer im Vorstand oder im Aufsichtsrat macht sich stark dafür, dass wirklich etwas geschieht? Wer traut sich, einen Schritt nach vorne zu gehen und zu sagen: „Ich kümmere mich darum. Ich nehme mir Zeit, ich frage intern, ob es mehr Fälle gibt, in denen Profit vor Ethik geht. Ich helfe den vielen ehrlichen, stärker zu werden und denen darüber, ein Nein zu akzeptieren.“
Ach VW, traut Euch einfach! Gemeinsam habt Ihr den Mut, den es für echte Veränderung braucht – und die Macht habt Ihr sowieso.
Bildnachweise: jarts / photocase.de
streifenkaro / photocase.de

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