Sinnklang, Konfliktlösung, Empathie, Perspektivwechsel,

Dicke Luft, Harry Potter und neurotische Techniken

Was hat Lord Voldemort mit Teamkonflikten zu tun?

Wenn es in Teams kriselt, entsteht die berühmte dicke Luft. Dicke Luft ist das Phänomen, das jeder spürt und über das die Betroffenen gerne den Mantel des Schweigens ausbreiten.
Sie macht sich in betretenen Schweigepausen bemerkbar, in Körperhaltung und Körperspannung der Beteiligten.
Wenn die Luft dick ist, fällt das Atmen schwer – und zwar im wortwörtlichen Sinn.
Dicke Luft stresst alle Beteiligten, senkt die Produktivität und verhindert Kreativität.
Das Schlimmste ist allerdings, dass absolut jeder, der den Raum mit der dicken Luft betritt, diese sofort bemerkt. Und zwar unabhängig davon, ob er den Raum tatsächlich betritt oder nur mit einer Person telefoniert, die in dicker Luft sitzt. Ich habe mich schon oft darüber gewundert, dass viele Unternehmen scheinbar überhaupt nicht bemerken, wie viele Kunden sie verlieren, wenn im Unternehmen dicke Luft herrscht. Ist es Ihnen noch nie passiert, dass sie einen Laden betreten, in dem die Mitarbeiter offensichtlich Probleme miteinander haben? Ich verlasse solche Läden meistens innerhalb von Sekunden und beobachte häufig genug, wie andere Kunden das intuitiv auch tun. Wieso sollte sich auch ein Kunde die Stimmung verderben lassen, wenn er in einem anderen Laden mit einem Lächeln begrüßt wird und ein vergleichbares Angebot besteht?
Da ein variantenreiches Konfliktverhalten in den meisten Familien und im Verlaufe der meisten Ausbildungen nicht gelehrt wird, greifen wir auf Techniken zurück, die uns sozusagen mit in die Wiege gelegt wurden. Und wir greifen auf unser erlerntes straf- und schuldorientiertes Erziehungsparadigma zurück. Und demzufolge sind an Konflikten entweder die anderen oder wir „schuld“.

Verdrängung: eine wichtige neurotische Technik

Verdrängung ist eine sogenannte neurotische Technik. Sie ist in der kindlichen Entwicklung überlebensnotwendig und wir müssen sie offensichtlich nicht erlernen. Problematisch wird es allerdings, wenn wir im Laufe unseres Reifeprozesses nicht lernen, auf diese Technik zu verzichten beziehungsweise versäumen, uns andere Antwortmuster als die Verdrängung von Unangenehmem anzueignen.
In Konflikten jedoch sind wir alle anfällig. Das liegt einfach daran, dass die meisten von uns Konflikte per se als unangenehm empfinden. Der Körper spricht eben eine deutliche Sprache. Die Körperspannung steigt an, der Blutdruck erhöht sich, manch einer schwitzt oder atmet schwerer. Kaum eines dieser „Symptome“ geht als angenehme Befindlichkeit durch. Deswegen ist es nur natürlich, dass die unangenehme Situation (ob dies nun der eigene Streit mit dem Kollegen sind, oder die Spannungen zwischen anderen Kollegen) gerne erst einmal weggeschoben wird. Die Befindlichkeit der Beteiligten geht natürlich nicht weg. Je länger man diese weg- oder aufschiebt, um so mehr hat man gefühlt Gelegenheiten verpasst. In Wirklichkeit ist das natürlich absoluter Unsinn. Die beste und früheste Gelegenheit ist immer diejenige, die man ergreift. Es hilft nichts, mit versäumten Gelegenheiten zu hadern und sich Vorwürfe zu machen.

Projektion

Auch die Projektion gehört zu den neurotischen Techniken. Projektion ist nichts anderes, als das Verdrängen eigener als unangenehm eingestufte Anteile und die Verlagerung auf das Umfeld. Kleine Kinder tun das, wenn sie ein unangenehmes Erlebnis haben. Ein Beispiel: In einem Straßencafé beobachte ich einen kleinen vielleicht dreijährigen Jungen mit seinem Vater. Die Mutter ist gerade nicht anwesend. Der Vater versucht den kleinen Jungen aufzufangen, als dieser mit dem Kopf gegen eine metallene Kante zu stoßen droht. Dabei fasst er in seinem Schreck sehr hart zu, sodass sich der Junge erschreckt und womöglich auch ein wenig tut. Er beginnt zu weinen. Die herbeieilende Mutter fragt ihn, wer im wehgetan habe. Antwort: Matti. Matti ist sein Freund, aber leider gerade nicht anwesend. Wieso behauptet er dann, dass Matti ihm wehgetan hat? Ganz einfach: Wir schützen uns vor erschreckenden Erlebnissen (in diesem Fall, dass Papa ein wenig zu fest anpackt), indem wir auf jemand anderen projizieren. Wir wollen ja vor Papa keine Angst haben müssen, also war es Matti.
Natürlich ist das wie die Verdrängung eine ganz natürliche Überlebenstechnik in der Kindheit. Auch hier wird es problematisch, wenn wir uns kein weiteres Rüstzeug holen, denn Projektion ist natürlich keine angemessene Antwort auf die unterschiedlichen Herausforderungen des Lebens.
Projektionen äußern sich in Konfliktsituationen gerne in Form von Diagnosen (Frau X. ist schwierig / labil/etc.), Interpretationen (der denkt jetzt bestimmt, dass ich….), Bewertungen.
Man ist in diesen Fällen überall – nur nicht bei sich selbst. Es gehört nicht umsonst in unterschiedlichsten Kulturen zu den Initiationstechniken, die eigenen Projektionen zurückzunehmen und das Schwarz-Weiß-Denken zu überwinden.
Dafür ist die Technik des Perspektivwechsels perfekt. Perspektivwechsel bedeutet nicht, zu interpretieren, was der andere Denkt. Perspektivwechsel erfordert die Einfühlung in die Befindlichkeit des anderen.
Auch dafür muss das Timing stimmen. Sind die Befindlichkeiten der Beteiligten nicht bearbeitet, die Bedürfnisse nicht formuliert und keine Lösungsperspektive vorhanden, so gelingt der Perspektivwechsel nicht.

Wenn die Stille zur Waffe wird

Das Schlimme an Sprache ist, dass sie sowohl aktiv durch Verwendung als auch durch Unterlassung zur Waffe werden kann.
Das Bemerkenswerte an menschlicher Interaktion ist, dass sie keinerlei Sprache benötigt. Das beredte Schweigen, das gerne eintritt, wenn das schwächste Glied in einem Konflikt den Raum betritt, kann tödlicher sein, als ein gezielter Schuss.
Wenn Schweigen zur Waffe wird, ist das in den häufigsten Fällen nicht etwa die Absicht der Beteiligten, sondern die Folge unausgesprochener Worte.
In den Fällen, in denen das mit Absicht geschieht, spricht man zurecht von Mobbing und das hat eine Dynamik, die einen eigenen Artikel verdient.
Das Schweigen ist also kein Schweigen, sondern viel mehr ein Verstummen. Wer hat schon gelernt, konstruktive, empathische, klare und freundliche Worte für die Beschreibung eines Konfliktes oder einer belastenden Situation zu finden?

Wie Lord Voldemort zum Helden wurde

Ich habe einmal mit einem internationalen und bunt gemischten Team gearbeitet. Ziel war die Neuorientierung des Teams nach einer Serie von Veränderungen innerhalb des Unternehmens.
Und weil das Team groß war, haben wir mehrere Sitzungen innerhalb eines Zeitraums festgelegt. Das wunderbare Geschenk war, dass absolut jede Gruppe plötzlich beim Thema „interne Zusammenarbeit“ in ein betretenes Schweigen verfiel. Die Gruppen verstummten. Die Körpersprache sprach deutlich für eine massive Belastung. Der Anstieg der Spannung und der Belastung war deutlich fühlbar und sogar sichtbar, wenn man wie ich auf Körperspannung, Atmung, Stimmführung und Körpersprache der Gruppe und der einzelnen Teilnehmer achtet.
Ich habe es mir zu eigen gemacht, eine Gruppe in solchen Momenten nicht zu fragen, sondern mit freundlichen aber offenen Worten genau zu beschreiben, welche Veränderungen ich wahrnehme, damit sich die Beteiligten bewusst werden, was geschieht. Ziel ist es in diesen Fällen, dass die Aufmerksamkeit vom Problem und der Projektion, Interpretation, Diagnose der Situation hin zum Hier und Jetzt, also zum eigenen Körper geht.
Und da stand ich nun und sprach, und die Teilnehmer wurden sich der gigantischen Anspannung bewusst.
Der Moment, um die Fragen zu stellen, war gekommen. Also stellte ich einige Fragen, um die Themen einzugrenzen. Und da war es plötzlich wieder. Das Verstummen. „Aha“, dachte ich, „hier steht kein Thema, sondern ein Name im Raum und keiner will mit dem Finger zeigen. Jeder hat Angst, dass er dann das Falsche sagt und ihm nachgesagt wird, er habe einen Kollegen angeschwärzt – noch dazu beim Externen“. Und da war er.

Der Moment, in dem Lord Voldemort zum Helden wurde.

Ich sagte einfach nur: „Ah, verstehe. Wir sind bei Harry Potter und der, dessen Namen nicht genannt werden darf, ist anwesend.“
Das war einfach zu viel. Die Anspannung entlud sich auf die schönste mögliche Art und Weise. Mit einem gewaltigen Lachanfall der ganzen Gruppe.
Seit diesem Moment ist für mich Lord Voldemort ein Joker-Wort. Ich sehe es vor mir, wenn das vermeintlich Unaussprechliche im Raum steht.
Diese Anekdote zeigt, dass Humor manchmal die beste Interventionstechnik ist. Und nebenbei stärkt Lachen die Abwehrkräfte. Das hat die Medizin bereits bewiesen.
Und die „Probleme“ mit dem Kollegen lösten sich innerhalb einer Stunde in einem Gespräch mit einer Moderation oder besser mit ein wenig „dolmetschen“ auf. Nachdem die Beteiligten geübt hatten, die Situationen klar zu beschreiben, anstatt sich zu fragen, was mit ihnen oder den anderen nicht stimmt, stand plötzlich auch kein Name mehr im Raum.
Wie gesagt: Wir haben gelernt, dass wir oder die bösen Anderen die Schuld tragen müssen. Daher verwende ich den Begriff dolmetschen, wenn ich zwei oder mehreren Beteiligten helfe, klärende Worte zu finden, bei denen sie und ihr Gegenüber sich nicht gruseln müssen. Die Mitarbeiter haben gelernt, besser für ihre Bedürfnisse einzutreten und Ihrem Gesprächspartner bessere und konstruktivere Feedbacks zu geben. Das Üben zahlt sich aus. Die Luft ist besser geworden.
Bildnachweis: french_03 / photocase.de

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