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Widerstand, Rebellion und Unterwerfung: Die Prinzipien der Psychotherapie, Kinesiologie und der Empathie erfolgreich im Change Management anwenden

“Wir waren wirklich offen und neugierig auf das, was das Projekt uns im Vertrieb bringen würde. Aber die Art und Weise, wie Druck auf uns ausgeübt wurde, hat schnell dazu geführt, dass eigentlich keiner mehr Lust hatte, sich wirklich zu beteiligen. Wenn sich nur einer der Vorgesetzten die Mühe gemacht hätte, uns zu fragen, unsere Bedenken und Unsicherheiten ernst zu nehmen, dann hätten wir alle hoch motiviert mitgearbeitet.“

So beschrieb ein Vertriebsmitarbeiter seinen Werdegang vom aktiv interessierten Projektmitarbeiter zum Totalverweigerer.
Ich stehe solchen Aussagen bei aller Erfahrung immer wieder ein wenig betroffen gegenüber, zumal ich diese Aussagen erstaunlich oft höre. Einerseits scheint es mir ein Gebot des gesunden Menschenverstandes zu sein, dass man seinen Endkunden (unter anderem den Endanwender) im Projekt nicht verbrennt, andererseits stelle ich immer wieder fest, dass Widerstand gerade in Projekten oft als Rebellion, Befehlsverweigerung, also Insubordination, verstanden wird. Selbst souveräne Chefs scheinen in den Kampfmodus umzuschalten, wenn die Mitarbeiter sich vermeintlich quer stellen.
In dem besagten Projekt waren die Qualitätsbedenken, Unsicherheiten und Sorgen tatsächlich berechtigt, denn es kostete Monate, das Projekt zu stabilisieren und die Schäden zu begrenzen.
Hätten die Vorgesetzten sich die Mühe gemacht, die Widerstände zu würdigen, die aufkommenden Fragen zu beantworten und auf die Belange der Mitarbeiter einzugehen, dann wäre das Projekt niemals in dem Ausmaß eskaliert, in dem ich es vorfand.
Tatsächlich leben wir aber in einem beruflichen Paradigma, in dem „die oben“ es besser wissen als „die unten“. Verstehen sie mich nicht falsch, ich bin kein Freund von antiautoritären und besinnungslos basisdemokratischen Prozessen in Unternehmen. Unternehmen brauchen klare Führungsstrukturen und ein gesunder Druck gehört dazu, damit Vorgaben umgesetzt werden.
Allerdings könnte sich das Geschäftsleben einiges von anderen Disziplinen abschauen. Einige dieser Prinzipien möchte ich in diesem Artikel vorstellen und auf klassische Projektsituationen übertragen.

Mit den Stärken eines Teams arbeiten, statt gegen seine Schwächen

Jeder gute Psychotherapeut lernt im Laufe seiner professionellen Ausbildung und in der Supervision, dass er niemals gegen die Schwächen seines Klienten, sondern mit seinen Stärken arbeiten soll. Im Klartext: Niemals die Krücken wegtreten! Wenn sich jemand ein Bein bricht, tritt ihm der Physiotherapeut nicht die Krücken weg, sondern er wird mit dem Patienten am Muskelaufbau arbeiten. Genauso wenig wird ein Suchttherapeut seinem alkoholsüchtigen Klienten das Trinken verbieten, es sei denn, dass er einen massiven Rückfall provozieren will.
Widerstände bedürfen einer ausgeruhten Betrachtung. Die Ursachen können so vielfältig sein wie die Menschen, die sie empfinden. Mögliche Ursachen für Widerstand sind unter anderem:

  • Angst vor Veränderung: Ängste ernst nehmen, Sicherheiten schaffen, Belohnungen, Quick Wins und Goodies finden, Schulung und Change Kommunikation überprüfen, Änderungen als Führungskraft aktiv begleiten.
  • Verständnisprobleme, fehlende Informationen, unklarer Änderungspfad: Kommunikations- und Schulungsplan überprüfen, Prozessorientierung herstellen oder verbessern, Änderungen als Führungskraft aktiv begleiten.
  • Selbstgefälligkeit („Das haben wir schon immer so gemacht.“): Führungskommunikation präzisieren. Wandel vorleben, unmissverständliche Ziele formulieren, Dringlichkeit und Wichtigkeit vermitteln. Unterstützer auf allen Ebenen mobilisieren und motivieren. Die Verbindung zu den Bedenkenträgern nicht verlieren, keine Bestrafungen vornehmen, positive Zielvereinbarungen treffen. Nicht von der ausgegebenen Linie abweichen, beharrlich bleiben, durchsetzen.
  • Fachliche Bedenken: Immer ernst nehmen, analysieren und gegebenenfalls Gegenmaßnahmen und Modifikationen einleiten.
  • Innere Kündigung, Frustration und fehlende Motivation oder fehlende Glaubwürdigkeit: Hilfe holen, vor allem wenn das Phänomen großflächig auftritt. In diesen Fällen ist oft eine Neuorientierung im Innenverhältnis zwischen Führungskräften und Mitarbeitern notwendig – und zwar unabhängig von Projekten oder ähnlichen Vorhaben.

Dieser Auszug aus den wichtigsten Ursachen für Widerstände gegen Wandel zeigt, dass ein starrer Antwortmechanismus, am liebsten Druck, keine angemessene Antwort ist.
Ich gehe sogar weiter: Wer verstanden hat, wo und warum Widerstände aufkommen, kann diese aktiv nutzen, um die Qualität seiner Inhalte oder der Vorgehensweise im Projekt verbessern. Dafür muss man eine einfache Entscheidung treffen, nämlich, dass Widerstand keine Absage an das Unternehmen oder das Vorhaben ist, sondern ein natürlicher und zutiefst menschlicher Vorgang.

Kinesiologie: Du musst, du darfst, du kannst das.

Entgegen der Meinung von haarsträubend schlecht informierten Menschen handelt es sich bei der Kinesiologie nicht um Esoterik, sondern um die praktische Anwendung von Erkenntnissen der Bewegungslehre. Der vielleicht bekannteste Test ist der Feedback-Test. Ich will Sie hier nicht mit naturheilkundlichen Verfahren vom Wesentlichen ablenken.
Der Feedback-Test wird durchgeführt, indem der Testende den Probanden Fragen stellt oder mit Aussagen konfrontiert und dabei den locker waagerecht ausgestreckten Arm des Probanden ohne Kraftanstrengung herunterdrückt. Beide Seiten sollen dabei nicht verkrampfen oder Gewalt anwenden. Es geht nicht um ein Kräftemessen, sondern darum, wie der Muskel antwortet. Das Testen erfordert ein wenig Erfahrung, sonst kann man den Test zu leicht manipulieren.
Ein guter erster Test vor dem wirklichen Durchlauf ist eine wahre und eine falsche Aussage zu testen. Heißt eine Person mit Vornamen Klaus und soll sie lügen und sagen: „Mein Name ist Dieter“, so wird es ihr selbst bei größter Anstrengung nicht gelingen, den Arm oben zu halten. Sagt die Person hingegen: „Mein Name ist Klaus“, so wird der Arm oben bleiben.
Nun kommt der Clou. Testet man die Wirkung von Aussagen auf den Arm, so kann man folgende Phänomene feststellen:

  • Die Aussage: „Du musst es“ führt dazu, dass der Arm kraftlos nach unten sinkt.
  • Die Aussage: „Du darfst es“ führt ebenso dazu, dass der Arm kraftlos nach unten sinkt.
  • Die Aussage: „Du kannst es“ hingegen führt dazu, dass der Arm stark bleibt.

Wenn man diese Beobachtungen goutiert, wird man sich schnell dazu entschließen, die eigenen Kinder nicht mit Zwang, sondern mit Motivation beim Lernen zu unterstützen.
Leiten wir ab: Nur mit Zwang geht es nicht. Es geht viel besser, wenn man Menschen in die Lage versetzt, zu können.
Ich möchte nicht so weit gehen, zu behaupten, dass Druck nicht gut ist. Ein gesunder Druck sorgt für Flow. Zu wenig Druck sorgt für einen Mangel an gesunder Grundspannung. Zu viel Druck führt allerdings zu zwei Phänomenen, die man bei genauerer Betrachtung nicht gutheißen kann.

Gewaltfreie Kommunikation: ein lebendiger Prozess

Marshall B. Rosenberg hat in seinem Buch „Gewaltfreie Kommunikation – eine Sprache des Lebens“ einen bemerkenswerten Satz formuliert. Mit „gewaltfrei“ ist übrigens nicht gemeint, dass man morgens zum Frühstück Weichspüler trinkt, sondern die Gewaltfreiheit nach der Definition von Mahatma Gandhi.
Es handelt sich nicht um eine Methode, die man einfach erlernen und anwenden kann, sondern um einen Prozess, den zu erlernen eine große Achtsamkeit mit sich selbst, der eigenen Erlebniswelt und der Wahrnehmung anderer erfordert. Wenn Sie vermuten, dass das Erlernen und Praktizieren der gewaltfreien Kommunikation ein übungsintensives Vorhaben ist, dann liegen sie richtig. Aber es lohnt sich. Die Belohnung ist der Abschied vom Opferland und ein großes Maß an innerer Autonomie.
Der Satz von Marshall lautet: „Unterdrückung provoziert Unterwerfung oder Rebellion.“
Wie bereits erwähnt, wollen sie beides nicht. Rebellion wollen sie aus naheliegenden Gründen nicht, denn sie bringt innere Unruhe in ein Unternehmen. Aber Unterwerfung wollen sie noch viel weniger, denn Unterwerfung führt zu einer kritiklosen Hinnahme von jeglicher Entscheidung, selbst derjenigen, die für das Unternehmen nicht gut sind. Unterwürfige Mitarbeiter funktionieren nur über Angst vor Bestrafung.
Halten wir nochmals fest: Unterwerfung ist auch keine angemessene Antwort auf Widerstand. Es mag dem starken Ego, aber schwachen Erwachsenen-Ich schmeicheln, wenn sich alle kritiklos unterwerfen, aber es dient in den seltensten Fällen der Sache.
Mein Fazit:
Widerstände sind Gold in jedem Projekt. Sie weisen einen viel häufiger auf echte Schwächen hin, als dass sie böswillige Sabotageakte sind. Nutzen sie die Widerstände in ihrem Unternehmen, um ein realistisches Bild Ihrer Organisation zu zeichnen. Die aufkommenden Widerstände zeigen Ihnen, wo welcher Teil des Unternehmens steht. Nehmen sie vor allem Widerstände ernst, die mit fachlichen Bedenken und Ängsten zu tun haben. Ängste gehen nicht auf Knopfdruck weg oder weil sie es gut meinen. Sie brauchen angemessene Antworten und eine positive Grundhaltung und sie gehören dazu. Jeder hat sie. Angstfreiheit ist nicht das Synonym für Mut, sondern ein pathologischer Zustand, der zu extrem risikofreudigem und rücksichtslosem Verhalten führt.

Bildnachweis: MPower. / photocase.de

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